Totalüberwachung im Nistkasten

Seit Ende 2019 steht in unserem Garten ein Vogelhaus, ein selbstgebasteltes Weihnachtsgeschenk einer Nichte. Auf dem ersten Bild ist es im neuwertigen Zustand zu sehen, die anderen beiden Fotos zeigen es heute, eingewachsen und – wie auch wir – entsprechend gealtert:

Das Vogelhaus (ich weiß, eigentlich ist es ein Nistkasten) wurde relativ früh von Meisen angenommen, fast jedes Jahr konnten wir sie aus dem Wohnzimmer heraus beim Einzug, Brüten und am Ende beim Schlüpfen und Flüggewerden beobachten. Das stimmt natürlich nur bedingt: Weder das Brüten noch das Schlüpfen lässt sich von außen beobachten, außerdem hat man auch anderes zu tun als im Wohnzimmer zu sitzen und Meisen zu beobachten. Beides lässt sich recht leicht beheben: Mein einer Kamera.

Kamera: Technik & Umbau

Es gibt hunderte von Bastelprojekten da draußen und mindestens genau so viele kommerzielle Lösungen. Ich wollte basteln, aber den Ball erst mal flach halten. Daher habe ich mir – wie ich es bei einem anderen Bastler gesehen hatte – eine gebrauchte TP-Link Tapo C110 für weniger als 15€ gekauft. Neu bekommt man sie ab ca. 22€. Die Kamera ist nichts besonderes, aber kompakt, hat einen Fuß, der sich gut einstellen lässt, eine Nachtsichtfunktion (Infrarot, stört die Vögel beim Brüten angeblich auch nicht) und einen SD-Speicherkartenslot.

Modifiziert habe ich sie an zwei Stellen:

  1. Fokus: Die Kamera ist nicht für den Nahbereich gebaut, d.h. der Fokus würde auf die kurze Strecke innerhalb des Nistkastens nicht passen. Mit etwas Geschick lässt sich die Kamera aber zerlegen, mit einem Cuttermesser die Verklebung des Linsenrings lösen und dann mittels des vorhandenen Schraubgewindes der Fokus so einstellen, dass das Ende des Nistkastens scharf ist.
  2. Milben: Es kann wohl ein Problem sein, dass die Linse der Kamera von Milben bzw. ihrem Mist verunreinigt wird. Daher wurde irgendwo empfohlen, den Ring um die Linse so zu modifizieren, dass Milben nicht an die Linse kommen, z.B. indem man den Ring um die Linse mit Teflon beschichtet. Tatsächlich hatte ich Teflonspray zur Hand und habe die Abdeckung mehrfach damit lackiert. Am Ende hatte der Ring definitiv mehr Haftung als vorher. Das ging also in die Hose, wird ja aber höchstens über die Jahre zum Problem. Man kann die Linse im Zweifelsfall ja auch reinigen (allerdings nicht während der Nistphase der Meisen).

Noch zwei technische Voraussetzungen:

  1. WLAN: Die Kamera braucht am Standort WLAN. Man sollte also vorher checken, ob das gegeben ist. Falls man das nicht hat bleibt nur die Option, bei Bewegung Videos auf die SD-Karte aufzunehmen. Notifications oder Live-Bilder in der App gibt es logischerweise nur bei WLAN-Zugang.
  2. Strom: Ein Punkt, der mit etwas aufgehalten hat, denn die notwendige Stromversorgung hat eine Reihe von Vorarbeiten ausgelöst. Die Infrastruktur im Außenbereich musste ausgebaut werden, was unabhängig von der Kamera schon länger auf meiner Agenda stand.

Bilder und Videos

Februar: der leere Kasten

Die Kamera war seit Jahresanfang in Betrieb. Erst mal tat sich natürlich Im Februar lies sich dann eine Kohlmeise immer mal wieder blicken. In dieser Phase geht es darum, dass der Vogel Vertrauen in den Unterschlupf gewinn. Allerdings haben wir es geschafft, für eine gewissen Zeit einen Alarm aktiviert zu haben. Das ist eine Option in der App, mit der man bei Bewegung einen akustischen Alarm an der Kamera aktivieren kann. Genau das Gegenteil von dem, was wir hier wollten. Der Vogel war also erst mal vergrämt :-/ Allerdings hat er es sich nach einigen Tagen anders überlegt und vorsichtig wieder Vertrauen aufgebaut. Puh. Ca. 6 Wochen ging diese Phase.

März: der Bau beginnt

Mitte März fängt die Meise an, die ersten Halme in den Kasten zu bringen. Dann geht es auf einmal schnell. Die Meise trägt ein, verteilt, drückt fest, fliegt wieder los. Fleißig jedenfalls.

Ende März ändert sich das Material. Statt Halmen und Moos bringt die Meise helles Material, vermutlich Tierhaare, feine Fasern, Wolle, was auch immer. Damit wird dann auch eine Mulde gebaut.

Ende März: das erste Ei

Am 31. März liegt dann ein einzelnes weißes Ei in der Mulde:

Meisen legen ein Ei pro Tag, meist früh am Morgen, und sie beginnen erst zu brüten, wenn das Gelege vollständig ist. Der Grund: Damit entwickeln sich die Embryonen gleichzeitig und alle Küken schlüpfen hoffentlich zeitgleich. Am Ende sind es neun Eier:

April: Brüten

Für uns als Beobachter wird es jetzt eher langweilig. Der Vogel sitzt einfach nur da und temperiert die Eier, manchmal dreht er sich. Wenn er das Nest verlässt sieht man für ein paar Minuten das ganze Gelege.

21. April: der erste Schlupf

Am 21. April schlüpft das erste rosa Küken, die restlichen Eier liegen noch da:

Nachmittags sind dann schon mehrere geschlüpft, es geht Schlag auf Schlag. Allerding hatten wir an dieser Stelle – ausgerechnet – einen Ausfall der Kamera für mehrere Tage. (Um ehrlich zu sein, es war menschliches Versagen…)

Die Aufzucht:

Jetzt herrscht Bewegung im Kasten: Acht Junge wollen gefüttert werden, und zwar ständig. Wenn der Elternvogel ins Nest kommt schnellen die Hälse hoch. Angeblich ist das Gelb der Schnäbel kein Zufall, es erleichtert den Eltern, auch im Dunkeln die Nahrung ordentlich zu verfüttern.

Die Eltern teilen sich die Arbeit, manchmal sieht man auch beide gleichzeitig im Nistkasten:

Was mir bisher auch nicht klar war: Der Kot der Jungvögel muss ja auch irgendwie entsorgt werden. Immer wieder sieht man einen Elternvogel,wie er einen weißen Kotballen aus dem Nest bringt:

Nach ca. zwei Wochen ist von der rosa Haut nichts mehr zu sehen, die Jungen sind komplett gefiedert und sehen jetzt schon aus wie kleine Vögel. Und je größer sie werden, desto enger wird es auch. Langsam geht es auch mit Flattern los, das erste Training für den ersten Ausflug.

12. Mai: der Ausflug

Es geht jetzt sehr schnell: Um 17:18 Uhr des 12. Mai sitzen noch alle im Kasten. Dann klettert der erste die Wand hoch zum Einflugloch und ist weg. Um 17:21 verlässt der letzte das Nest und der Kasten ist leer:

Am Abend schaut ein Elternvogel nochmal in den Kasten, das war’s dann.

Fazit

Aus den neun Eiern am Anfang sind acht Jungvögel geschlüpft. Innerhalb von 2 Monaten. Ich werfe Tieren ja immer wieder Faulheit vor, aber hier wurde richtig geworkt. Ich habe mal versucht, die Aktivität grafisch darzustellen. Die Aufnahme der Kamera springt ja immer nur an, wenn sich Bewegung zeigt. Aus den Timestamps der Videos kann man also ein Aktivitätsprotokoll erstellen:

Außerdem habe ich versucht, aus Tonnen an Material einen Zeitraffer zu erstellen. Dabei habe ich zunächst aus jedem Video einen Snapshot gezogen und nur aus diesen Snapshots dann den Zeitraffer gebaut. Ach ja, die Kamera habe ich irgendwann manuell auf den Nachtmodus gestellt, das gab einfach den schöneren Kontrast.

0 Reaktionen auf “Totalüberwachung im Nistkasten

  1. Daniel Weber

    In unserem Garten sind Meisen geschlüpft und wir waren mit der Kamera live im Nistkasten dabei. Ein Blogpost.

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