Digitale Sonnenuhr

„Digitale Sonnenuhr“, das klingt widersprüchlich. „Digital“ meint hier allerdings auch nicht, dass die Uhr digital betrieben wird, es ist eine normale, analoge Sonnenuhr. Aber sie zeigt die Zeit digital an:


Abgefahrene Sache. Und erst einmal ziemlich rätselhaft, wie man das Ding eigentlich konzipieren kann. Das erklärt aber der Macher Mojoptix in einem etwas längeren Video:

Bauen kann man das Teil „einfach“ mit einem guten 3D-Drucker, die Baupläne findet man im Netz. Wer keinen 3D-Drucker bei der Hand hat kann das Teil auch kaufen. Einen anderen Weg, so ein Teil zu bauen, sieht der Macher übrigens nicht, seiner Meinung nach ist das nur mit einem 3D-Druck machbar.

 

Das Rad, neu erfunden (2)

Das Rad muss nicht ständig neu erfunden werden. Man sagt das so und meint es metaphorisch. Umso faszinierender, wenn sich jemand daran macht, das trotzdem im wörtlichen Sinne zu tun. Ich habe auf diesem Kanal schon einmal neue Ansätze zum Thema „Rad“ gezeigt, aber das heutige geht doch in eine völlig andere Richtung. Und auch das ist nicht metaphorisch gemeint:

Mehr als ein Proof of Concept ist das noch nicht, ich würde gerne mal die Kombination zwischen diesem Antrieb und dem normalen Fahren sehen. Gerne auch bei höheren Geschwindigkeiten z.B. beim Spurwechsel oder so. Aber auch so schon mal eine grandiose Idee.

Es läuft nicht rund

Seit 1990 baut der Niederländer Theo Jansen seine Strandbeest-Ungetüme. Gebilde aus Plastikrohren, denen der Wind Leben einhaucht. Jansen nennt sie „Lebewesen“, was an der Definition von „Leben“ zwar grob vorbeigeht, aber die Illusion ist schon nicht schlecht. Dieses Video hier gibt einen ganz guten Überblick über seine Kreaturen:

Jetzt hat Jansen es aber übertrieben. Er hat seine – zugegebenermaßen faszinierenden – Laufapparaturen mit einem Fahrrad gekreuzt. Zusammen mit dem kalifornischen Bastler-Kollektiv Carv wurde der vierfüßigen Laufmechanismus für das Fahrrad kreiert und eingebaut. Gefahren wird es trotzdem wie ein normales Fahrrad:

Richtig rund läuft es noch nicht.

Polygoner Kusskaffee

Kaffee ist nicht unbedingt meine größte Leidenschaft, und mit diesen Coffee to go-Bechern hatte ich bisher schon mal gar nichts zu tun. Haben so etwas säuglinghaftes, diese Schnabelbecher. Wenn man die des Designers Jang Woo-Seok aber sieht bekommt man fast ein bisschen Lust auf so einen Coffee to go. Vor allem diese eckigen Becher gefallen doch sehr:

Wie nennt man eigentlich diese Art von Design? Polygonal Design?

Ist das eine Gitarre?

Wann ist ein Instrument ein Instrument? Auf den ersten Blick ist das einfach, Instrumente sind z.B. Flöte, Trompete, Klavier, Gitarre, Bass usw. Alles, womit man eben Musik machen kann. So einfach ist es aber nicht. Das Theremin z.B., ein berührungslos gespieltes Instrument, welches nur über die Beeinflussung eines elektromagnetischen Feldes funktioniert, werden die wenigsten als Instrument durchgehen lassen:

Was die ortsansässige Musikschule nicht im Angebot hat ist auch kein richtiges Instrument, mag sich so mancher denken. Aber selten sind wir uns im Klaren darüber, dass Musikinstrumente schon immer einem Wandel unterlagen. An dieser Stelle sei an das gute alte Klavier erinnert, das Instrument schlechthin. Das uns bekannte Klavier („Hammerklavier„) wurde aber z.B. zu Bachs Zeit gerade erst entwickelt, Standard war da eher das Cembalo, mit dem eine ordentliche Dynamik (laut, leise, …) nicht möglich war. Diese neuen Möglichkeiten haben dazu geführt, dass sich das Klavier einfach durchgesetzt hat uns das Cembalo nur noch selten eine Rolle spielt (sorry SEA+AIR, aber ich höre eure Platte trotzdem noch sehr gerne!).

Vielleicht sind wir da schon bei einem guten Kriterium dafür, was ein „richtiges“ Instrument ausmacht: Es muss sich irgendwann durchgesetzt haben. Was sich irgendwann aber einmal durchgesetzt haben wird können wir im Voraus schlecht wissen. Es gibt also immerzu Weiterentwicklungen von Instrumenten, mal nur evolutionär, mal mutiger in richtigen Sprüngen. Vieles davon verschwindet wieder in der Versenkung und wird bestenfalls noch von Exoten gespielt (wie z.B. das oben gezeigt Theremin). Trotzdem kann es einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung anderer Instrumente leisten. Aus vielen parallelen Entwicklungen entsteht dann unter Umständen ein neues Instrument, welches in gewisser Weise standardisiert ist und es irgendwann sogar in das Angebotsrepertoire der einen oder anderen Musikschule schafft.

Lange Vorrede dafür, dass ich hier eigentlich nur eine solche aktuelle Instrumentenentwicklung vorstellen wollte. Und zwar geht es um eine Gitarre, die laut eigener Aussage die erste smarte Gitarre der Welt ist. In erster Linie ist es eine Gitarre, die man einfach als Gitarre spielen kann. Aber sie ist mit diversen Erweiterungen versehen: Tolle Effekte, Möglichkeiten zum Loopen, zusätzliche Bedienmöglichkeiten über Touchinterfaces (erinnern fast ein bisschen an das Theremin!) und so weiter. Schau sie dir an, die „Sensus Smart Guitar“ von Mind Music Labs:

Bisher leider nur ein Prototyp und damit noch etwas entfernt vom sich durchsetzen…

DSL vs. VDSL

Vor einigen Wochen haben wir unseren DSL-Anschluss (16.000 Mbit/s) auf VDSL (100.000 Mbit/s) umstellen können. Es hat etwas gedauert, bis 1&1 nach den technischen Umbauten hier im Ort ihn auch wirklich zur Verfügung gestellt hat, die Umstellung an sich ging dann aber ohne nennenswerte Komplikationen oder Ausfälle über die Bühne. Bei dem 100.000er VDSL-Anschluss bietet 1&1 noch die Möglichkeit, den Upload für 3€/Monat von 20.000 auf 40.000 zu erhöhen. Hab ich gemacht, sollte einen spürbarer Vorteil für Anwendungen wie OwnCloud oder den youtubenden Junior bringen.

Seit Anfang des Jahres habe ich auf meinem Raspberry Pi ein Skript laufen, welches in regelmäßigen Abständen einen Speedtest macht:


#!/bin/bash

LOGFILE=~/speedtest.log

# Checken, ob Logfile existiert:
if [ ! -d $LOGFILE ]; then touch $LOGFILE; fi

# Der Pfad zu speedtest muss hier so stehen, denn das Skript wird über cron leider nicht in der BASH ausgeführt...
SPEED=$(/usr/local/bin/speedtest --simple)
ZEIT=$(date +%Y-%m-%d_%H:%M:%S)

echo $ZEIT $SPEED >> $LOGFILE

Die Ergebnisse habe ich mir jetzt einmal angesehen (etwas geglättet):

DSL vs. VDSL
Das ist schon ein ordentlicher Performance-Schub:

  • Die Ping-Zeiten gehen um 58% nach unten.
  • Die Download-Raten gehen um 690% nach oben.
  • Die Upload-Raten gehen um 4220% nach oben!

Damit kann man jetzt erst mal eine Zeit gut leben. Die nächste Baustelle ist dann eher die Netzwerktechnik im Haus. LAN-Kabel gibt es keine, und trotz WLAN-AC an Router, Repeater und Notebook ist das nicht wirklich befriedigend. Aber ich will jetzt mal nicht jammern…

Survivorship Bias

Wir alle lieben Erfolge. Wir bewundern erfolgreiche Leute, und wenn wir uns für reflektiert halten fragen wir uns dabei noch, welche Faktoren zu diesem Erfolg beigetragen haben. Mit ziemlicher Sicherheit wird diese Analyse allerdings fehlerhaft sein. Sogar dann, wenn wir nicht nur einen erfolgreichen Player untersuchen, sondern viele davon. „Viele“ hört sich für den Statistiker immer gut an, aber der Fehler liegt hier schon im Ansatz. Man nennt diesen Fehler „Survivorship Bias“. Wikipedia erzählt eine schöne Geschichte, von der der Begriff kommen angeblich kommen soll. Ob wahr oder nicht spielt keine Rolle, sie verdeutlicht den Denkfehler sehr schön:

Der Begriff geht auf die Arbeit englischer Ingenieure im Zweiten Weltkrieg zurück, welche die Panzerung der Flugzeuge verbessern und somit die Überlebensrate der Piloten steigern wollten. Sie verstärkten zunächst die Panzerung der zurückgekehrten Maschinen an den Stellen mit den meisten Einschusslöchern. Allerdings verbesserte sich dadurch die Überlebensrate nicht. Der Mathematiker Abraham Wald erkannte schließlich den Irrtum und regte an, die Flugzeuge dort stärker zu panzern, wo sie keine Einschusslöcher aufwiesen, da Treffer an diesen Stellen offensichtlich einen Absturz auslösten und somit die Rückkehr unmöglich machten.

Quelle: „Auf die Verlierer kommt es an“

Vor einigen Jahren habe ich das Buch „Die Kunst des klaren Denkens“ von Rolf Dobelli gelesen, in welchem er sich mit genau solchen Denkfehlern auseinander setzt. Nicht ohne Grund wird der „Survivorship Bias“ gleich im ersten Kapitel behandelt (eine „Leseprobe“ dieses kurzen Kapitels findest du hier, lohnt sich). Rolf Dobelli schreibt am Ende des Kapitels, und das sollte man sich merken, wenn man mal wieder Studien liest, die irgend etwas komisches „beweisen“, wenn man auf der Suche nach Erfolgsfaktoren ist, erfolgreichen Menschen zuhört oder selbst ein erfolgreicher Mensch ist und andere einem zuhören:

Survivorship Bias bedeutet: Sie überschätzen systematisch die Erfolgswahrscheinlichkeit. Zur Gegensteuerung: Besuchen Sie möglichst oft die Grabstätten der einst vielversprechenden Projekte, Investments und Karrieren. Ein trauriger Spaziergang, aber ein gesunder.

In diesem Video wird die Sache noch einmal eindrücklich erklärt:

Seit 2012 gibt es weltweit sogenannte Fuckup Nights: Gescheiterte erzählen von ihren Erfahrungen des Scheiterns:

Das ist sicher interessant und im Sinne des Survivorship Bias auch sehr wichtig, trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass das Vorgehen der Analyse von gescheiterten Projekten den gleichen Bias erzeugt wie die Analyse von erfolgreichen Projekten. Ausgewogen wird es nur, wenn man beides betrachtet und sich dabei auch eingesteht, dass die Kriterien, nach denen man die Projekte untersucht, schon in die Analyse gesteckt werden und nicht vorwissensfrei aus der Analyse erzeugt werden. Vielleicht sind Faktoren entscheidend, die wir überhaupt nicht auf dem Schirm haben. Oder vieles ist schlicht und einfach – so enttäuschend das auch sein mag – zufällig.

Who the F**K is @robodda?

robodda

Riech mal wie ich riech
hör mal wie ich stodda
ich bin einer von euch, Mensch
ich bin doch kein Robodda.

(Dendemann – O Robota)

Ich muss etwas erklären, und eigentlich ist es dafür schon fast zu spät. Am 27. Januar 2016 habe ich ein kleines Wesen in die Welt gesetzt, welches seither mein Leben bereichert. Die Rede ist von @robodda, meinen Twitter-Roboter. Dieses Dings hat schon für einige Verwirrung gesorgt, daher ist es allerhöchste Eisenbahn, etwas Klarheit zu schaffen. Das Wichtigste, was zu sagen ist: Ich bin @dasaweb und nicht @robodda! Ich schreibe nicht persönlich unter diesem @robodda-Account. Gut, verwand ist der Kleine schon mit mir, so ähnlich wie Kinder mit einem verwand sind. Aber ein Kind ist er auch nicht, er ist einfach nur ein Roboter. Präzise müsste man sagen ein „Bot“, was Wikipedia folgendermaßen definiert:

Unter einem Bot (von englisch robot „Roboter“) versteht man ein Computerprogramm, das weitgehend automatisch sich wiederholende Aufgaben abarbeitet, ohne dabei auf eine Interaktion mit einem menschlichen Benutzer angewiesen zu sein.

So sieht es aus. Der @robodda ist ein Computerprogramm, auf welches ich im laufenden Betrieb keinen Einfluss nehme, das eigenständig Tweets veröffentlicht, Nutzern folgt und entfolgt, Tweets anderer favorisiert und auf sie antwortet usw. Er verhält sich also fast wie ein normaler Twitterer. Das ist jedenfalls das hehre Ziel. Und die Verwandschaft zu mir besteht darin, dass er sich aus meinen bisher veröffentlichten Tweets bedient, sich daraus Textbausteine generiert und aus diesen Textbausteinen seine eigenen Tweets bastelt. Klar, ich leiste eine Art Erziehungsarbeit, in dem ich die Algorithmen, die sein Verhalten bestimmen, immer wieder anpasse und weiter optimiere, damit er immer mehr meinen Vorstellungen von einem guten Bot entspricht. Sonst ist er aber wirklich ein eigenständiges Wesen.

Diese Klarstellung, dass ich nicht der Bot bin, ist wirklich wichtig. Denn es kann schon mal sein, dass so ein Bot verbal Amok läuft, wie Microsoft in den letzten Wochen mit seiner Kreatur „Tay“ schmerzlich erfahren musste. Und auch mein kleiner Bot ist nicht so unschuldig wie er zunächst anmutet. Ein Beispiel:

Oder auch der hier:

Aber eigentlich ist es unfair, solche Ausrutscher als erstes zu zitieren, denn in der Regel ist das Kerlchen doch recht putzig und hier und da durchaus kreativ. Beispiele:

Manchmal wird er geradezu philosophisch:

Ich mag ihn, und ich hatte ja neulich schon mal erwähnt, dass man auch zu Dingen eine Beziehung aufbauen kann. Dazu müssen sie sich noch nicht einmal menschlich verhalten, aber wenn sie menschliche Züge haben können wir uns kaum dagegen wehren. Den @robodda wieder abzuschalten würde sich zum jetzigen Zeitpunkt ziemlich falsch anfühlen. Außer der Wind dreht und es passiert das, wovor viele irgendwie Angst haben:

Quelle: http://xkcd.com/1646/

Quelle: http://xkcd.com/1646/

„I bet it’s not too hard“. Dachte ich mir auch, nachdem ich über den Bot von @grindcrank (darf ich vorstellen, der @grindbot!) inspiriert wurde und dann den Artikel von @dasnuf über ihren @nufbot gelesen hatte. Ja, es gibt noch mehr Bots da draußen, ziemlich viele sogar. Und eine ganze Gruppe davon basieren auf dem gleichen Code, den ich schließlich auch verwendet habe. Es gibt auch andere, vermutlich intelligentere, wie den Account @deepdrumpf zum Beispiel, aber ich hatte mit @grindcrank jemanden an der Hand, bei dem ich wusste, dass er mir zur Not unter die Arme greifen kann. Mein Ziel war außerdem, das kleine Wesen auf meinem Raspberry Pi zum Leben zu erwecken, und speziell dazu habe ich kein Tutorial gefunden. Falls es dich interessiert folgt also hier eine grobe Anleitung zur Installation eines Twitter-Bots auf dem Raspberry Pi:

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Wie man 2016 gratuliert

Auch wenn ich gerade wenig zum Bloggen komme, der jährliche Geburtstagsstatistik-Post ist natürlich Pflicht. Die Datenerfassung habe ich mir in diesem Jahr mit einer Counter-App erleichtert. Letztes Jahr hatte ich genau so etwas gesucht, aber nichts passendes gefunden. Die App war sehr hilfreich, um persönliche Glückwünsche, Telefonanrufe etc. zu erfassen. Also die Gratulationen, die sich nicht im Nachhinein digital zählen und auswerten lassen.

Bevor wir zu den Zahlen und einigen wenigen Beobachtungen kommen: In diesem Jahr haben sich etliche Leute einen Spaß daraus gemacht, mir auf diversen Kanälen mehrfach zu gratulieren. Einfach mal austesten, wie der Herr Wissenschaftler so mit widrigen statistischen Bedingungen umzugehen vermag. Zählt er die Glückwünsche dann auf allen Kanälen? Unterschlägt er einfach Daten? ? Wie so oft im Leben – übrigens auch im wissenschaftlichen – gibt es kein richtig oder falsch. Statistiken sind immer Interpretation, und das hat nichts mit Mutwillen oder Manipulation zu tun, sondern liegt einfach in der Natur dieser Welt. Schwarz-weiß, richtig-falsch, Eins-Null, das klappt nicht. Ich kann diese Statistik also nur auf die eine Weise „fälschen“ oder auf die andere. Ich habe mich dafür entschieden, bei Gratulationen von einer Person auf mehreren Kanälen immer den zuerst gewählten in meine Zählung aufzunehmen, weil das für die Person der intuitivste sein könnte.

Jetzt aber zu den Zahlen von 2016:

Geburtstag 2016 - Verteilung Geburtstag 2016 - Zeitverlauf absolut Geburtstag 2016 - Zeitverlauf prozentual

Kleine Anmerkung zu den beiden letzten Grafiken: In diesem Jahr habe ich die Zeitachse gedreht, damit die aktuellen Zahlen gut sichtbar vorne liegen und die Vergangenheit langsam hinten verblassen kann.

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DIY: Klavier stimmen

Ich mache ja gerne Dinge selbst. Dazu braucht man zum einen etwas Neugier, zum anderen darf man auch keine Angst davor haben, Dinge kaputt zu machen. Trotzdem sollte man wissen, wo die eigenen Grenzen liegen. Manchmal lohnt es sich aber, die bisherigen Grenzen etwas auszuweiten und Neues zu probieren.

Deshalb habe ich in diesem Jahr das Geld, welches ich üblicherweise jährlich für den Klavierstimmer bezahle, in diesem Jahr in ein bisschen Ausrüstung und Werkzeug investiert und beschlossen, mein Klavier selbst zu stimmen. Werkzeug und Ausrüstung allein reicht da allerdings nicht, ein bisschen Ahnung sollte man schon auch mitbringen, und da fängt das eigentliche Problem an. Das Stimmen eines Klaviers ist alles andere als trivial, was an ganz verschiedenen Dingen liegt, auf die ich im Detail hier gar nicht eingehen will. Kurz kann man sagen, dass es keinen simplen Tuner für Klaviere geben kann, denn die Stimmung hängt von sehr vielen instrumentspezifischen Parametern und Eigenschaften ab. Es gibt – anders als bei anderen Instrumenten – noch nicht mal eine mathematisch eindeutig richtig Stimmung eines Klaviers. Und da hat sich Prof. Haye Hinrichsen,  ein Physiker hier in Würzburg, vor einiger Zeit ein paar Gedanken gemacht, was dann hinter einer guten Stimmung stecken könnte. Sein Ansatz: Wenn ein Instrument gut gestimmt klingt könnte das daran liegen, dass die Entropie dann kleiner ist als bei einem verstimmten Instrument. Das Prinzip funktioniert offensichtlich besser als alles, was es bis dato an softwaregestützen Stimmverfahren gab. Und wie wir Spielkinder Physiker so sind hat Haye Hinrichsen die Idee in eine Software gepackt und diese für alle gängigen Plattformen kostenlos zur Verfügung gestellt: Voilà, der Entropie-Piano-Tuner. Vielen Dank!

Das Stimmen mit der Software geschieht in drei Schritten:

  1. Instrument analysieren. Dazu muss man jeden Ton des Klaviers mit der Software aufnehmen. Ein ordentliches Mikrofon ist nicht ganz unwichtig.
  2. Stimmung berechnen. Hat man jeden Ton des Klaviers gesampelt, dann kann die Software daraus easy die ideale Stimmung berechnen. Also easy für den Benutzer, nicht für das Programm. Das ganze ist ein recht komplexes, aber machbares Minimierungsverfahren.
  3. Klavier stimmen. Jetzt braucht man einen Stimmhammer, ein paar Keile zum dämpfen einzelner Saiten und etwas Zeit und Übung. Man sich jede einzelne Saite vor, spielt sie an und schaut, wie gut die Stimmung passt. Muss man einen Ton verändern ist das bei den tiefen Tönen noch recht einfach, weil tiefe Töne nur eine einzige Saiten haben. Die mittleren Töne haben zwei Saiten und die hohen drei, da ist das mit dem Abdämpfen der anderen Saiten und dem harmonischen Stimmen schon schwieriger. Aber machbar.

In einem Video erklärt Hinrichsen auch nochmal das Prinzip (und schaut dabei sehr lustig in die Kamera 😉 :

Nach insgesamt 2-3 Stunden Gesamtaufwand sah meine Stimmkurve am Ende so aus:

Man sieht zwar noch Abweichungen, aber die sind wirklich minimal und kaum stimmbar. Mit dem Ergebnis bin ich ziemlich zufrieden. Wobei ich auch sagen muss, dass mein Klavier noch gut in Stimmung war und nur einzelne Saiten korrigiert werden mussten. Das spricht durchaus für den Algorithmus der Entropie-Minimierung.

Fazit: Wer gerne Sachen selbst macht, keine Angst davor hat, Dinge auszuprobieren, ein bisschen einen Sinn für Musik und die Physik dahinter mitbringt, wer bereit ist, ein paar Euro für die Ausrüstung und etwas Zeit zu investieren, der hat mit dem Entropie-Piano-Tuner eine Software an der Hand, die das Klavier vielleicht nicht mit so viel Charakter versieht, wie es ein Profi-Stimmer könnte, es aber immerhin in einen ordentlich klingenden Zustand bringen und es in diesem halten kann. Mehr braucht man als Hobbypianist eigentlich nicht.