Generisches Maskulinum

Das generische Maskulinum ist eine grammatikalisch männliche Bezeichnung für gemischt-geschlechtliche Gruppen, und ich gebe zu, dass ich Formulierungen wie „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!“ selbst oft als etwas holpirg empfinde. Ein bisschen Befindlichkeit darf aber noch lange kein Grund für eine diskriminierende Sprachform sein. In seinem Arktiel Frauen natürlich ausgenommenschreibt Anatol Stefanowitsch, welche Gründe es für die Ablehnung der sprachlichen Gleichbehandlung der Geschlechter gibt:

Wenn überhaupt einmal sachliche Argumente für diese Ablehnung genannt werden, dann sind das normalerweise die folgenden:

  1. Das „generische Maskulinum“ sei nun einmal weit verbreitet und jeder wisse, dass Frauen hier eingeschlossen seien. Es sei deshalb albern/überflüssig/Teil eines Plans zur feministischen Weltherrschaft, auf sprachlichen Alternativen zu bestehen.
  2. Geschlechtsneutrale und geschlechtergerechte Formulierungen seien umständlich und behinderten das Leseverständnis.

Wenn diese Aussagen stimmen würden, wäre das nicht unbedingt ein Grund, auf eine sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter zu verzichten. Es ist auch umständlich und überflüssig, die Flagge eines Staatsgastes vor dem Reichstagsgebäude zu hissen, Menschen nett zu begrüßen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen oder mit Messer und Gabel zu essen. Trotzdem gelten diese Gesten als Zeichen von Respekt, Interesse und gutem Benehmen. Genauso könnte es umständlich und überflüssig sein, statt eines „generischen Maskulinums“ eine der anderen Alternativen zu verwenden — ein Zeichen für das Ziel einer allgemeinen Gleichberechtigung wäre es trotzdem.

via scilogs.de

Es lohnt sich, den ganzen Artikel zu lesen, denn er kann beide oben genannten Gründe wissenschaftlich sauber widerlegen.

Und wer danach immer noch denkt, dass das generische Maskulinum eigentlich gar nicht so diskrimierend sei und man sich doch einfach nicht so anstellen solle, dem kann ich den folgenden Screenshot aus der Sportschau vom letzten Samstag ans Herz legen:

4. Mann: Bibiana Steinhaus

5 Reaktionen auf “Generisches Maskulinum

  1. Florian

    Wert darüber nachzudenken! Allerdings kann ich mir im Moment schwer vorstellen, dass ich in Zukunft meinen Sprachgebrauch so anpasse, dass ich künftig von meinen Freunden und Freundinnen, Kollegen und Kolleginnen oder von Fußgänger und Fußgängerinnen und Autofahrern und Autofahrerinnen spreche.

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  2. dasaweb Beitragsautor

    Im normales Sprachgebrauch ist das wirklich holprig, weswegen ich Wörter wie „Studierende“ eigentlich wirklich gelungen finde.

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  3. Daniel Röder

    Echt?? Ein Partizip als Hilfskonstrukt vermeidet vielleicht generische Maskulina, legt aber als Abkömmling eines Verbs m.E. zu viel Wert auf das TUN, während ich lieber das SEIN, den Status, betonen möchte. Man mag als Student gelegentlich ein Studierender sein, manchmal ist man aber auch ein Essender oder ein Kackender und dennoch gleichzeitig ein Student. Als Mama ist man immer Mama, egal, was man gerade tut, sei es als Stillende, als Arbeitende oder – besonders leidvoll -als Schlafende.Was man doch eigentlich möchte, ist ein Begriff, der im Plural in beiden Genera die gleiche Endung hat (grammatikalisch). Und nicht eine Fokusverschiebung vom Sein zum Tun (inhaltlich).Als Gegenentwurf möchte ich (ein bisschen posen und deshalb) das Hebräische nennen. In dieser Sprache gibt es zwar auch ein generisches Maskulinum, aber anders als im Deutschen musst Du Dir zu jeder Zeit bewusst sein, ob Du es nur mit nur weiblichen bzw. nur männlichen Personen oder Begriffen zu tun hast. Jedes Verb hat in allen Personen auch eine explizit weibliche Form, jedes Adjektiv unterscheidet sich je nach männlicher und weiblicher Form. Man muss sich also ständig der Unterschiedlichkeit von männlich und weiblich bewusst sein. Ein Schrank kann also im übertragenen Sinn nie genauso „schön“ sein, wie eine Frau, denn die Adjektive hätten eine unterscheidliche Endung. Nur und ausschließlich dann, wenn männliche und weibliche Begriffe/Peronen gleichzeitig benannt werden, behilft man sich mit der männlichen Form. Das, finde ich, wird der Unterschiedlichkeit von männlich und weiblich viel eher gerecht als der deutsche Partizipismus.

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  4. dasaweb Beitragsautor

    Zum ersten: Diese Fokusverschiebung ist grammatikalisch sicher ein Problem , in dem angesprochenen Beispiel aber wohl weniger. Denn Partizipe können erstens Multitasking, und zweitens spielen sie ja durchaus auf unterschiedlichen Zeitskalen: Wenn jemand sagt, er will sein Leben lang ein Lernender sein, erlaubt er sich ja trotzdem, zwischendurch gleichzeitig auch mal ein Kackender oder gar ein Atmender zu sein. Und man ist ja nie ein explizit Studierender im Sinne des Verbs. Ein „Sorry, ich hab heute Abend keine Zeit für Fußball, ich muss studieren“ hab ich nie gehört. Sondern im konkreten Fall wird ein Student oder Studierender (gibt übrigens keinen Grund, am Singular etwas zu drehen) dann lesen, lernen, schreiben usw., weshalb bei mir in diesem Fall bei „Studierenden“ nicht das Tun mitschwingt.Zum zweiten: Es ist ja schön (und durchaus faszinierend), was andere Sprachen so können. Wobei das Hebräische – wenn ich das jetzt richtig verstanden habe – das Problem des generischen Maskulinums ja nicht gelöst hat, sondern im Singular komplexer und noch geschlechtsspezifischer ist und damit das Problem im Plural ja noch verstärkt sein dürfte. Eine einfachere Sprache wie das Englische dagegen (ich weiß, damit kann ich nicht posen, aber egal) kennt das Problem nicht.Überhaupt: Überhaupt ging es mir weniger um konkrete sprachliche Lösungsansätze, sondern vielmehr um das Bewusstmachen einer sprachlichen Diskriminierung, und ich muss zugeben, dass mich diese Studien in ihrer Deutlichkeit doch überrascht haben. Das ist ja in der Wissenschaft allgemein so, dass zunächst das Problem da ist (in diesem Fall: das Problem zunächst erkannt wird) und danach Lösungsansätze entworfen, diskutiert, ausprobiert und ggf. auch wieder verworfen werden. Das darf aber kein Grund sein, dass Problem nicht ernst zu nehmen. Ist ein bisschen wie in der emergenten Theologie ;o)

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