Smartphones? Es geht um die Macht.

Ich muss zugeben: Den Umgang von Kindern mit Smartphones sehe ich nicht unkritisch und teste hier und da sogar Programme zur Einschränkung der Smartphone-Nutzung beim eigenen Nachwuchs. Ich denke, dass wir als Gesellschaft den Umgang mit dieser noch sehr jungen Technik weiter lernen müssen (ich auch…). Lernen heißt hier, aus Erfahrungen und sicher auch aus Fehlern zu lernen. Diese müssen aber zunächst einmal gemacht werden…

Auf der anderen Seite sehe ich natürlich eine riesige Chance in der neuen Technik, und das gerade auch im Zusammenhang mit der Schule. In meinem Umfeld kann ich leider nicht erkennen, dass diese Chancen genutzt würden. Z.T. gibt es Aufklärung an den Schulen, was die Nutzung von Facebook, WhatsApp und Co. angeht. Die Motivation ist an dieser Stelle Angst. Angst vor Missbrauch der Technik (Mobbing, Sexting, …). Eine Diskussion über die Chancen findet dagegen nicht statt. Eine Nutzung erst recht nicht.

Man kann sich fragen, warum das so ist. Einen mir neuen Aspekt habe ich heute in diesem Blogpost gelesen („Am liebsten würden sie die Smartphones verbrennen„), den ich gerne weiterempfehle:

Ein Handy in der Hand einer Schülerin verschiebt das im traditionellen Bildungs-System angelegte Machtverhältnis von LehrerIn zu SchülerIn auf dramatische Weise – und zwar nicht nur, weil der Lehrer sich damit nicht auskennt, nein – das Smartphone stellt letztlich das ganze auf Fakten-Wissen angelegte System in Frage, und das ist bei Licht betrachtet ein riesiger Teil des Bildungs-Systems, der noch nichtmal mit der Schule endet…

Quelle: http://www.beimnollar.de/2015/10/26/am-liebsten-wurden-sie-die-smartphones-verbrennen/

3 Reaktionen auf “Smartphones? Es geht um die Macht.

  1. Tim

    Veto, euer Ehren!

    Das Thema Handy in der Schule ist sicherlich von Bedeutung, auch ein ja, nein oder manchmal kann man diskutieren, aber diese einfache Erklärung, dass es aus „Angst um die Macht“ verboten wird, das ist ja,
    wie soll ich sagen, „Internet-Niveau“.

    Aus meiner sehr begrenzten dreijährigen Unterrichtserfahrung stelle ich fest, dass selbst sehr gute Schüler kaum in der Lage sind, mit einem Handy das Faktenwissen eines – ich betone! – guten Lehrers in überschaubarer Zeit auszugleichen. Die Fakten sind zwar – mal mehr mal weniger schnell – verfügbar, aber eine Einordnung, Bewertung und Relativierung benötigt vor allem anderen Zeit. Angst vor den Smartphones müssen die Lehrer haben, die weder im Studium, noch bei der individuellen Stundenvorbereitung glaubten und glauben, sie könnten auf Faktenwissen verzichten, weil es ja angeblich verfügbar ist. Der Spruch meines alten Erdkundelehrers „Wissen heisst gewusst wo!“ ist in der Unterrichts-Praxis nämlich für die Füsse, da die Kids einen ziemlichen Riecher dafür haben, wenn der Lehrer kein Experte ist. Die finden das schlicht und ergreifend Kacke – und ich finde sie haben Recht.

    Und das betrifft nicht nur den Lehrerberuf!

    Anderes Zitat aus dem Blog-Artikel:
    „Viele Berufsbilder werden verschwinden oder komplett umdefiniert werden, die bisher sichere Machtoptionen darstellen, wie z.b. Rechtsanwalt, Mediziner, Professor, Architekt, Ingenieur usw. – aber auch Insititutionen, das politische System und selbst so banale Dinge wie das Taxigewerbe sind plötzlich vom Aussterben bedroht.“

    Ich sehe mich also schon auf dem OP-Tisch liegen und der Chirurg schaut mal kurz in seiner Google-Kontaktlinse (Nachfolger von Google-Glass) bei youtube nach, wo er bei einem offenen Eingriff am Herzen schneiden und nähen muss.
    Um den Pfuscher danach zu verklagen brauche ich keinen Rechtsanwalt, weil ich mir die Anklage aus den Blogs einiger Ex-Anwälte per Copy & Paste selber zusammen bastle. Anschließend gehe ich recht frustriert nach Hause, bzw. in die Trümmer meines Hauses, welches ich – da es ja keine Architekten mehr gibt – mit der Webseite http://www.statik-für-alle-leicht-gemacht.de irgendwie doch nicht so toll zusammengebastelt hatte.

    Dieser Alle-wissen-jetzt-alles-Kack, weil wir ja Internet haben, geht im echten Leben meistens in die Hose.

    Ich werde morgen fachfremd meine Bio-Kollegin vertreten. Als Klassenlehrer versuche ich meine Schüler noch bei der Vorbereitung auf die Klausur zum Thema „Vererbungslehre“ zu unterstützen.

    Ich hatte das Thema selbst in der Schule.
    Auch das klassische Beispiel mit der Bluterkrankheit.
    Aber obwohl ja alles so schnell verfügbar ist, muss ich jetzt doch noch mal ziemlich nachlesen.
    Schön, dass mir meine Kollegin ein Lösungsblatt dagelassen hat.

    Meine Bio-Kollegin ist die Expertin. Und das ist gut so. Und da ändert an einem Nachmittag
    auch das Internet nix dran und auch kein Lösungsblatt.

    Liebe Grüße
    Tim

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    1. dasaweb Beitragsautor

      Die Macht ist sicher nicht der einzige Faktor, aber er war mir neu und ich glaube schon, dass er Einfluss auf diese Entscheidungen in der Schule hat.
      Was du ansprichst ist der Unterschied zwischen Wissensvermittlung und Bildung, oder? Und da gebe ich dir Recht: Bildung kann kein Smartphone leisten. Wissensvermittlung schon. Und leider geht es in der Schule immer noch (oder wieder vermehrt?) um Wissensvermittlung statt um Bildung. Wenn das schon so ist, dann ist es auch allerhöchste Eisenbahn, dass die Kinder genau in dem Kontext anfangen, mit dem umzugehen, was sie außerhalb der Schule auch zur Verfügung haben. Es geht ja auch nicht darum, Wikipedia-Wissen gegen das Fakten-Wissen eines Lehrers auszuspielen. Meiner Meinung nach geht es überhaupt nicht um Fakten-Wissen. Ich hätte mit dem Ende der 13. Klasse fachlich locker Mathe und Physik am Gymnasium unterrichten können, ein guter Lehrer wäre ich deswegen noch lange nicht gewesen. Mir hat die universitäre Bildung noch gefehlt. Damit meine ich nicht das Fachwissen, welches ich an der Uni gelernt habe, das spielt nämlich in der Schule keine Rolle. Und ich habe die Lehrer geschätzt, die versucht haben, mir trotz ihrer eigenen Wissenslücken ein Gefühl für den Stoff zu vermitteln, mich zu begeistern und neugierig zu machen. Denen es wichtig war, Fakten zu bewerten, einzuordnen, im Kontext zu verstehen etc.

      Du schreibst ja, dass man – würde man mit Tablets etc. arbeiten – viel Zeit für die Einordnung, Bewertung und Relativierung des Wissens benötigen würden. Genau so ist es. Aber genau das ist doch eine wesentliche Kompetenz, die die Kinder in der Schule vermittelt bekommen sollten, oder?

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  2. Tim

    „Und leider geht es in der Schule immer noch (oder wieder vermehrt?) um Wissensvermittlung statt um Bildung.“

    Aber der Aufhänger dieses Artikels war ja die Frage nach der Macht.
    Und für mich ist die Angst vor dem Machtverlust nicht der Grund für ein radikales Handyverbot in der Schule.

    Jedenfalls nicht der Machtverlust in Bezug auf „das Wissen“.

    Viel mehr ist es im Schulalltag tatsächlich ein riesiges Problem, dass die Kids ihre Hände nicht vom Handy lassen können.
    Bei uns an der Schule sind sie radikal verboten. Ein Umsetzung dieses Verbots lässt sich nicht umsetzten. Ich könnte jeden Tag 100 Telefone einkassieren.
    Soweit zu diesem Dilemma.
    Ich löse es in der Begrenztheit meiner Klasse. Ich bin das Gesetz. Ich entscheide wann es – zum Beispiel als Wörterbuch – zum Einsatz kommt.

    Aber zum Reizwort „Kompetenzen“:

    Ja, die Kompetenzvermittlung ist der wichtigste Teil der Bildung.

    Das Wort „Kompetenzen“ steht allerdings auch auf der Sau, die in den letzten Jahren durchs bundesrepublikanische Bildungsdorf getrieben wird.

    Natürlich ist es genial, wenn Schüler kompetent sich selber Wissen aneignen, meinetwegen auch mit einem Handy.
    Aber zu glauben, jetzt lassen wir die mal alles selber lernen, die wissen schon was sie wo, wie suchen müssen, das ist eine Katastrophe.
    Die guten Schüler können zwar von einem solchen System profitieren, eine große Mehrheit geht aber in der Tyrannei der Lernmöglichkeiten unter.
    Reines E-Learning funktioniert nicht!

    Noch ein Pisa-Schock:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/familie/oecd-erste-pisa-erhebung-zu-digitalen-kompetenzen-13804857.html

    Wie man mittlerweile festgestellt hat, beruhte das geniale Pisa-Ergebnis der Finnen aus dem Jahre 2000 nicht auf dem Kompetenz-Gruppenarbeit-Wir-lernen-alleine-System der Finne zur Zeit der ersten Pisa-Studie, sondern es war der Überhang aus einem Schulsystem, welches auf radikalem Frontalunterricht beruhte.

    Finnlands Pisa-Wunder entpuppt sich als Irrtum:
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article143637971/Finnlands-Pisa-Wunder-entpuppt-sich-als-Irrtum.html

    Ich will jetzt Pisa hier nicht hochjubeln, schon gar nicht, da die finnischen Schüler im alten System äußerst ungern zur Schule gegangen sind (was es ja auch nicht sein kann), aber die autonomen Lerner, sind nach meiner Erfahrung eine Minderheit unter den Schülern, nicht weil das Schulsystem schlecht ist, oder die Lehrer es nicht drauf haben, sondern weil es dabei auch auf Disziplin und Reife ankommt, über die viele Schüler noch nicht verfügen. Das ist nicht schlimm. Das ist sogar normal. Aber es ist eben so.

    Bei der Mehrheit der Schüler führt der Erwerb oder die Vermittlung von Kompetenz, losgelöst vom Faktenwissen und einem Experten dazu, dass am Ende werde das Eine noch das Andere vorhanden ist.

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