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„Und leben heißt – auch – Spaß haben.“

Gestern musste ich Böhmermann zitieren, heute haut ein andere einen Spruch raus, den ich so von ihm nicht unbedingt erwartet hätte: Der gute alte Helge Schneider. Ich bin seit Jahrzehnten bekennender Helge-Fan. Von keinem anderen Künstler habe ich so viele Konzerte besucht wie von ihm. Zum Start ins Jahr 2017 hielt er heute auf Facebook eine kleine Neujahrsansprache:

Auf jeden Fall komplett anschauen. Ist ja auch nicht lang. Unter anderem sagt er:

Gott der Herr hat den Menschen nicht geschaffen, dass er sich immer ärgert und auch andere ärgert. Gott der Herr hat uns geschaffen und hat auch seinen Sohn Jesus glaub ich geschickt, damit wir leben! Und leben heißt – auch – Spaß haben.

In diesem Sinn wünsche ich uns allen ein lebendiges Jahr 2017!

Die Weihnachtsbotschaft (von Jan Böhmermann)

Fest & Flauschig, die Spotify(*)-Radioshow von Jan Böhmermann und Olli Schulz, höre ich ganz gern so neben bei, versüßt sie einem doch z.B. ungeliebte Hausarbeit. Am 19. Dezember veranstalteten die beiden in Berlin im Zirkus Roncalli einen Weihnachtsshow, die sie dann aber wegen des LKW-Anschlags spontan abbrachen. In einer ungeplanten Podcast-Folge sprachen sie jetzt nochmal über die Show, die Gründe für den Abbruch und darüber, wie sie persönlich diese Stunden erlebt haben. Und auch darüber, wie man dieses Ereignis oder generell solche Ereignisse einordnen kann. Gestern beim Hören wurde ich an einer Stelle stutzig: Jan Böhmermann dachte laut (und das viel ihm hier anfangs hörbar schwer) darüber nach, was eine sinnvolle Antwort auf Ereignisse dieser Art sein könnte. Ich zitiere aus der „Notsendung“ (ab Minute 50:40):

An dem Abend, wenn man so an (die Grenzen seiner) intellektuellen Möglichkeiten stößt, und selber nicht mehr weiter weiß, gibt es so zwei Richtungen, in die man, glaube ich, in die die Leute dann tendieren: Entweder wird man wütend und geht dann irgendwie auf Angriffsmodus, oder man wird irgendwie so ganz still und geht dann irgendwie so in sich rein und versucht das dann irgendwie auf die nette Art. Und auch so abgedroschen das klingt, und so oft das schon so hippiesk mit irgendwelchen langhaarigen Typen verbunden ist, aber es ist tatsächlich letztlich – es ist echt schwierig, das auszusprechen – aber es ist eigentlich so: Liebe ist eigentlich das einzige, was funktioniert. Und wenn man sich in solchen Situationen da reinlehnt, entlarvt man auch all diejenigen, die Hass wollen. Also gegen Liebe können selbst Nazis nichts ausrichten. Und das macht die vor allen Dingen wütend. Und wer wütend wird, wenn Leute anfangen, nett zueinander zu sein, der kann kein guter Mensch sein, denke ich dann immer. Wer wütend wird, wenn Leute zusammen stehen, und versuchen, zusammen Dinge zu regeln, obwohl sie unterschiedlich sind, wen das wütend macht, der soll dahin gehen wo der Pfeffer wächst. […Wünscht sich ein Lied…] Es ist genau das. Letztlich auch – fröhliche Weihnachten – die Weihnachtsbotschaft. Was sind das eigentlich für komische Typen, die irgendwie das christliche Abendland retten wollen, die diese – das sag ich jetzt als Agnostiker – die diese Grundbotschaft vom Christentum nicht verstanden haben. Dass es irgendwie darum geht, es zusammen irgendwie nett hinzubekommen. Das war übrigens der große USP aller Religionen, warum sich das Ding durchgesetzt hat, weil alle anderen auf Ausgrenzung waren, und die Christen gesagt haben: Nene, die Idee ist, dass wir das mit Liebe zusammen hinbekommen. Deswegen gibt’s diese Religion seit zweieinhalbtausend Jahren. Deswegen feiern auch Leute, die nicht an Gott glauben, gerne Weihnachten, weil die Botschaft stimmt. So.

Ein gutes Wort zum Jahresende.

 

(*) Technischer Kommentar: Man muss „Fest & Flauschig“ nicht zwangsläufig über Spotify hören, sondern kann das dank dieser Seite hier auch mit dem Podcatcher seiner Wahl tun.

Loslassen

Gestern bin ich über einen bedenkenswerten Text gestolpert: Ein Auszug aus einer Predigt von Karl Barth aus dem Jahr 1944, in der er auf den 100. Geburtstag von Friedrich Nietzsche Bezug genommen hat. Heute bietete es sich an, den Text vor dem Hintergrund des Todes von Steve Jobs zu lesen:

Jeder Mensch, auch jeder grosse, bedeutende, gute Mensch, hat seinen ganz bestimmten Lebenskreis, seinen Raum, seine Zeit, seine Kraft und seine Gelegenheiten, aber eben damit auch seine Grenze, die er nicht überschreiten kann. Jenseits dieser Grenze wird auf die Länge und im Grunde kein Mensch mehr von den anderen verstanden und geschätzt und für sie lebendig sein können. Es kann vorkommen, dass er dann gelegentlich, vielleicht an seinem 100. Geburtstag, wieder entdeckt wird, und dann betrachtet man noch einmal sein Bild, dann liest man noch einmal einiges über ihn, und vierzehn Tage später redet wieder niemand mehr von dem längst Entschwundenen.

Und seht, es ist überall: Unsere Interessen und unsere Beziehungen, zum Glück auch die Missverständnisse und Belastungen, unter denen wir miteinander leben, das alles läuft notwendig schon in diesem Leben irgendeinmal einem Punkt entgegen, wo sie nichts mehr bedeuten werden. Was wir einmal gewollt haben, das werden wir einmal aufgeben müssen, was wir gebaut haben, werden wir einmal abbauen müssen, und was wir geleistet haben, werden wir einmal durch die Leistung eines anderen überbieten und ersetzen lassen müssen.

Wie wäre es uns so gut, wie wäre uns geholfen, wenn wir das immer vor Augen hätten! Wir haben es leider nicht immer vor Augen, wir pflegen, wenn die Dinge da sind, nicht an ihr Ende zu denken. Es erscheint uns alles unendlich: unsere Freude und unser Kummer, Verlust, unsere guten Absichten – ach, sie sind so unendlich gut -, aber auch unsere bösen Leidenschaften. Wir selber, ich, du, unendlich, aber, nicht wahr, auch der Mitmensch unendlich in dem, was wir an ihm schätzen, und noch mehr in seinen Fehlern! O weh! Wir müssten uns klarmachen, dass das schrecklich ist. Das Unendliche ist der Feind des Menschen. Wenn die Dinge unendlich werden, dann überwältigen sie uns. Sie haben uns dann, statt dass wir sie haben dürfen. Wir sind dann Gefangene des Lebens, statt frei zu sein. Und wir dürfen doch daran denken, dass in Wahrheit alles ein Ende hat. Es ist ja doch so. Wir würden dann nicht gleichgültig leben. Wir würden dann immer noch weinen und lachen, zürnen und lieben dürfen, es würde uns immer noch Ernst sein mit dem Leben, aber eben menschlich Ernst, nicht übermenschlich, nicht tierisch Ernst. Das gibt es in scheinbar sehr hohem und schönem Ernst, und es gibt nichts, unter dem wir so leiden, wie unter diesem tierischen Ernst, der nicht an das Ende denken will. Wie gut wäre es für uns, wie wäre uns geholfen, wenn wir es zu Herzen nehmen dürften: es hat alle ein Ende! Und wenn wir gerade darum hoffen dürften!

(Aus: “Mit dem Anfang anfangen: Lesebuch”. TVZ, 1985)

via blog.aufatmen.de