Archiv der Kategorie: Posterous

Loslassen

Gestern bin ich über einen bedenkenswerten Text gestolpert: Ein Auszug aus einer Predigt von Karl Barth aus dem Jahr 1944, in der er auf den 100. Geburtstag von Friedrich Nietzsche Bezug genommen hat. Heute bietete es sich an, den Text vor dem Hintergrund des Todes von Steve Jobs zu lesen:

Jeder Mensch, auch jeder grosse, bedeutende, gute Mensch, hat seinen ganz bestimmten Lebenskreis, seinen Raum, seine Zeit, seine Kraft und seine Gelegenheiten, aber eben damit auch seine Grenze, die er nicht überschreiten kann. Jenseits dieser Grenze wird auf die Länge und im Grunde kein Mensch mehr von den anderen verstanden und geschätzt und für sie lebendig sein können. Es kann vorkommen, dass er dann gelegentlich, vielleicht an seinem 100. Geburtstag, wieder entdeckt wird, und dann betrachtet man noch einmal sein Bild, dann liest man noch einmal einiges über ihn, und vierzehn Tage später redet wieder niemand mehr von dem längst Entschwundenen.

Und seht, es ist überall: Unsere Interessen und unsere Beziehungen, zum Glück auch die Missverständnisse und Belastungen, unter denen wir miteinander leben, das alles läuft notwendig schon in diesem Leben irgendeinmal einem Punkt entgegen, wo sie nichts mehr bedeuten werden. Was wir einmal gewollt haben, das werden wir einmal aufgeben müssen, was wir gebaut haben, werden wir einmal abbauen müssen, und was wir geleistet haben, werden wir einmal durch die Leistung eines anderen überbieten und ersetzen lassen müssen.

Wie wäre es uns so gut, wie wäre uns geholfen, wenn wir das immer vor Augen hätten! Wir haben es leider nicht immer vor Augen, wir pflegen, wenn die Dinge da sind, nicht an ihr Ende zu denken. Es erscheint uns alles unendlich: unsere Freude und unser Kummer, Verlust, unsere guten Absichten – ach, sie sind so unendlich gut -, aber auch unsere bösen Leidenschaften. Wir selber, ich, du, unendlich, aber, nicht wahr, auch der Mitmensch unendlich in dem, was wir an ihm schätzen, und noch mehr in seinen Fehlern! O weh! Wir müssten uns klarmachen, dass das schrecklich ist. Das Unendliche ist der Feind des Menschen. Wenn die Dinge unendlich werden, dann überwältigen sie uns. Sie haben uns dann, statt dass wir sie haben dürfen. Wir sind dann Gefangene des Lebens, statt frei zu sein. Und wir dürfen doch daran denken, dass in Wahrheit alles ein Ende hat. Es ist ja doch so. Wir würden dann nicht gleichgültig leben. Wir würden dann immer noch weinen und lachen, zürnen und lieben dürfen, es würde uns immer noch Ernst sein mit dem Leben, aber eben menschlich Ernst, nicht übermenschlich, nicht tierisch Ernst. Das gibt es in scheinbar sehr hohem und schönem Ernst, und es gibt nichts, unter dem wir so leiden, wie unter diesem tierischen Ernst, der nicht an das Ende denken will. Wie gut wäre es für uns, wie wäre uns geholfen, wenn wir es zu Herzen nehmen dürften: es hat alle ein Ende! Und wenn wir gerade darum hoffen dürften!

(Aus: “Mit dem Anfang anfangen: Lesebuch”. TVZ, 1985)

via blog.aufatmen.de

TAN-Generator

Eigentlich wollte ich gerade nur eine Überweisung tätigen, leider wurde daraus nichts. Hab die freie Zeit dann genutzt, um meiner Bank eine Mail zu schreiben:

Geliebte Hausbank!

Soeben wollte ich eine Überweisung tätigen, setzte mich an meinen Rechner, starte (*piep*), legte eine Überweisung an und gab die Überweisungsdaten an. Zur erfolgreichen Transaktion fehlte nur noch eine TAN. Also kramte ich den unlängst erworbenen TAN-Generator aus dem Schreibtisch (man freut sich ja immer über technischen Fortschritt, so auch über dieses Kästchen (über den Anschaffungspreis hat man großzügig hinweggesehen), keine langen Listen mehr, nur eine kleine Prozedur am Rechner, die in jedem zweiten Fall auch problemlos funktioniert), holte meine EC-Karte aus dem Geldbeutel, führte sie in das Gerät und wurde von der Meldung überrascht, dass dessen Batterien wohl nicht mehr die jüngsten seien. Nun gut, ab in den Keller, dort lagern ja reihenweise Knopfzellen unterschiedlichster Bauart, jedoch keine CR2025, und das wären die gewesen, die mein kleines TAN-Kästchen wieder zum Leben hätten erwachen lassen. Keine Batterien, keine TAN, keine Überweisung. Und das nach schätzungsweise nicht mal 20 TAN-Generierungen. Scheint ja ein anstrengender Job zu sein.

BTW: Der Akku meins Handys hier neben mir am Schreibtisch hätte noch genug Saft, um einen SMS mit einer TAN empfangen zu können. Aber mal ganz ehrlich, so unter uns: Neben den Gebühren für die Kontoführung, denen für die EC-Karte, denen für zu viele Geldautomatenbesuche im Monat dann auch noch welche für jede einzelne SMS bei Überweisungen? Das hole ich ja im Leben nicht mit den Zinsen rein, die meine Konten bei Ihnen so bringen! Scherz.

Ich weiß, bis Sie diese Mail lesen wird mein Ärger größtenteils verflogen sein und ich werde mich damit abgefunden haben, die Überweisung erst tätigen zu können, wenn ich die Zeit gefunden haben werde, in die Stadt zu fahren und mir Batterien zu besorgen. Aber das mit der Zeit ist ja kein Problem, ich kann ja einfach die nehmen, in der ich sonst Fahrrad gefahren wäre. Das geht ja jetzt nicht, denn ohne Batterie keine Überweisung, ohne Überweisung keine Bestellung, ohne Bestellung kein Fahrradschlauch, und ohne Fahrradschlauch kein Radfahren. Und wenn ich dann schon in der Stadt bin, dann kann ich gleich dort beim Fahrradhändler meines Vertrauens einen neuen Schlauch besorgen und brauche dann gar keine Batterie mehr. Und zum Kaufen auch keine Bank. Traum! Klappt aber nur, wenn der Fahrradhändler wieder passende Schläuche hat. Am Donnerstag hatte er keine mehr, er musste welche bestellen. Man kann nur hoffen, dass wenigstens er passende Batterien hatte.

Seien Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem allzeit treuen Kunden
(*piep*)

Brotlose Kunst

… ist das wirklich nicht, was die Künstlergruppe Gob Squad hier veranstaltet hat:

Schritt 1: Weißbrot toasten

Schritt 2: Toastbrot sortieren

Schritt 3: Toastbrot an markierte Stellen anbringen

Schritt 4: Flächendeckend arbeiten

Schritt 5: Toaster unter dem Bild platzieren

Schritt 6: Ergebnis überprüfen

Schritt 7: Ergebnis bewundern lassen

Schritt 8: Vor dem Werk posieren

Schritt 9: Werbung machen!

via spreeblick.com

Gefällt mir, auch wenn die Idee wohl nicht neu ist, wie eine Google-Suche nach dem Begriff “toast art” ergibt.

Ich mag den Effekt dieser Bilder, bei denen sowohl die Auflösung als auch das Farbspektrum massiv reduziert wurden. Seit einiger Zeit steht sowas in der Art auch in unserem Wohnzimmer. Allerdings nicht aus Toast, sondern aus Acryl auf Leinwand. Die Vorlage sieht so aus:

Die Auflösung beträgt 25 x 30 Pixel bei einer Rahmengröße von 120 x 100 cm², und es gibt 9 Graustufen. Je weiter man sich von dem Bild entfernt und je ungenauer man hinsieht (z.B. indem man die Augen zusammenkneift), desto “schärfer” wird das Bild.

Mag sein, dass das nicht nur für das Betrachten solcher Bilder gilt.

Bedingungsloses Grundeinkommen II

Vor gut einem Jahr ist mir das Thema “Bedingungsloses Grundeinkommen” zum ersten Mal über den Weg gelaufen, reichlich spät, wie ich finde. Und dazu hat mich damals auch mehr die entspannte Art von Götz Werner fasziniert als das Thema an sich. Das hat sich mittlerweile geändert. Im Urlaub habe ich etwas Zeit gefunden, dieses Video hier anzusehen. Es ist lang, ziemlich lang sogar, es ist nicht sonderlich gut gemacht (um das mal vorsichtig auszudrücken), aber es auf jeden Fall des Inhalts wegen sehenswert. Gerade das Ineinandergreifen von eienr radikalen Reform des Steuersystems und der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens finde ich verblüffend. Es ist allerhöchste Zeit, wieder mutiger und radikaler zu denken.

Such dir ein ruhiges Stündchen und zieh es dir rein:

via grundeinkommen.tv

Rolling shutter

Bevor wir zur eigentlichen Attraktion dieses Posts kommen, hier zur Einstimmung ein paar Bilder:

via flickr.com

Wenn du solche Bilder noch nie gesehen hast und/oder ihr Zustandekommen nicht verstehtst, solltest du dir zunächst diesen Wikipedia-Artikel zum Rolling-Shutter-Effekt zu Gemüte führen, um dann ganz entspannd das folgende Video zu genießen, bei dem jemand einfach mal seine Smartphone bei laufender Kamera in seine Gitarre gelegt und ein bisschen gespielt hat. Viel Spaß:

via spreeblick.com

Theorie der Praxisgebühr

Als einziger Pflichversicherter der Familie musste ich vor einigen Tagen in der Notaufnahme eines Krankenhauses die Praxisgebühr entrichten. Kein Problem,ich hab mich daran gewöhnt und fand es durchaus human, dass mir das Geld erst nach Abschluss der Behandlung abgeknöpft wurde. Ich war nie ein Gegner dieser Gebühr, ihre Ziele konnte ich immer nachvollziehen:

Ziele der Praxisgebühr sind:

  • Stärkung der Eigenverantwortung der Versicherten für ihre Gesundheit: bei Bagatellfällen (Schramme, blauer Fleck) soll nicht gleich der Arzt aufgesucht werden.
  • Reduzierung der “Selbstüberweisungen”: die Versicherten sollen Fachärzte, mit vergleichsweise teureren Behandlungen, möglichst nur nach Überweisung durch den Hausarzt (sachverständig für eine Abgrenzung) aufsuchen.
  • Kurzfristige finanzielle Entlastung der gesetzlichen Krankenversicherung: das Bundesgesundheitsministerium hofft auf zusätzliche Einnahmen von 2,6 Milliarden Euro jährlich.

via de.wikipedia.org

Der dritte Punkt stört mich etwas, aber was soll’s, von nichts kommt nichts. Aber jetzt kommt’s: Um nach der Behanldung meines Bruches krankgeschrieben zu werden, schickte mich die Klinik anschließend direkt zum Hausarzt. Die Nachfrage nach meinem Status (“privat oder gesetzlich?”) lässt mich vermuten, dass das bei Privatpatienten anders läuft. Wie auch immer, wenn man krank geschrieben werden muss hat man sowieso Zeit und kann sich ruhig noch ins Wartezimmer des Hausarztes setzen, damit der dann nach einem kurzen Gespräch nochmal den Papiertiger loslässt und unter anderem die Krankmeldung ausstellt. Und für seine “Behandlung” noch mal 10€ Praxisgebühr abgreift (und weiterleitet, ich weiß). Stärkung der Eigenverantwortung der Versicherten? Reduzierung der “Selbstüberweisungen”? Als Motivation bleibt da wohl nur die “kurzfristige finanzielle Entlastung” der Krankenversicherung. Danke. Ich kann verstehen, dass Arzt, Zahnarzt und Psychotherapeut verschiedene Kategorien sind und durch die Gebühr separat “geregelt” werden wollen. Dass aber der Pflichtbesuch beim Hausarzt nach einem Besuch in einer Notaufnahme nochmal Praxisgebühr kostet ist schlicht eine Frechheit.

Browser-OS

Dass der Browser so langsam den eigentlichen Betriebssystemen den Rang abläuft weiß mittlerweile jedes Kind. Spätestens seit es den chrome web store oder die App-Tabs im Firefox gibt haben die Leute verstanden, dass ich als überzeugter Mail-Client-Benutzer zu einer aussterbenden Gattung gehöre.

Heute bin ich über zwei Meldungen gestolpert, die das dermaßen deutlich unterstreichen, dass ich doch etwas verblüfft war:

MP3-Decoder in Javascript

via golem.de<blockquote >

PDF-Rendering mit HTML5 und Javascript

via golem.de

Dabei erinnere ich mich noch gut an die Zeiten, in denen man Javascript schon totgesagt hatte…